Nationale Versorgungs-Leitlinie COPD
H 5. Hintergrund und Evidenz: Medikamentöse Therapie
Ziele der medikamentösen Therapie sind in Abhängigkeit von der Erkrankungsdauer, der Erkrankungsschwere, dem Alter des Patienten und seiner Begleiterkrankungen:
- Reduktion der Symptome (Dyspnoe, Husten, Auswurf);
- Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit;
- Steigerung der Lebensqualität durch Abnahme der COPD-bedingten Beeinträchtigungen;
- Prävention und Reduktion von Exazerbationen, bzw. Milderung der Verläufe im Sinne einer Verminderung der Häufigkeit und Schwere und Verkürzung der Dauer von Exazerbationen.
Die Pharmakotherapie ist jedoch nicht in der Lage, die Mortalität zu senken oder den jährlichen Lungenfunktionsabfall (FEV1) bzw. den Progress der Erkrankung zu verhindern. Mit keiner der vorhandenen medikamentösen Therapieansätze lässt sich die Progression der Beeinträchtigung der Lungenfunktion beeinflussen.
Der kurzfristige Medikamenteneffekt lässt keine Rückschlüsse auf den Langzeiteffekt (> 1 Jahr) zu. Behandelt werden sollen alle symptomatischen COPD-Patienten. Bei weiter bestehender Symptomatik muss die Therapie – sei es durch Dosissteigerung, sei es durch eine Kombinationstherapie – intensiviert werden. Die Substanzauswahl und der Applikationsweg muss sich an den indivuellen Bedürfnissen des Patienten orientieren.
Bronchodilatatoren (Beta-2-Sympathomimetika, Anticholinergika) sind die Basismedikamente zur Linderung der Beschwerden bei COPD. Die Wahl zwischen Beta-2-Sympathomimetika und Anticholinergika hängt vom individuellen Ansprechen des Patienten bezüglich der Effekte und der unerwünschten Wirkungen ab. Theophyllin ist effektiv in der Langzeittherapie der COPD, sollte aber wegen zahlreicher Interaktionen und der relativ geringen therapeutischen Breite erst nach Beta-2-Sympathomimetika und Anticholinergika als Bronchodilatator der dritten Wahl eingesetzt werden.
Eine Dauerbehandlung mit inhalativen Corticosteroiden sollte nur bei COPD-Patienten mit Besserung von Kenngrößen der Lungenfunktion und/oder der Symptomatik unter dieser Therapie bzw. bei häufigen Exazerbationen durchgeführt werden. Eine Dauerbehandlung mit systemischen Corticosteroiden sollte wegen der häufigen unerwünschten Effekte vermieden werden.
Eine Normalisierung der Lungenfunktion ist bei Patienten mit COPD nicht zu erwarten. Falls sich die Lungenfunktion unter einer Therapie normalisiert, muss die Diagnose COPD revidiert werden. Meist handelt es sich in solchen Fällen um ein infektinduziertes Asthma. Weder für Bronchodilatatoren noch für inhalative Corticosteroide ist eine Besserung der Prognose nachgewiesen [72; 73; 74; 75; 76; 77].
Die Pharmakotherapie der COPD sollte immer durch präventive Maßnahmen flankiert werden (s. Kapitel 7, Kapitel 11 und Kapitel 12). Die Abstinenz von inhalativem Tabakrauchen ist die wichtigste Maßnahme in der Therapie der COPD.
Bei fehlender Verbesserung der Lungenfunktion oder der Gehstrecke oder Verminderung der Exazerbationsrate unter der Therapie mit Bronchodilatatoren ist ein Therapieversuch mit inhalativen Corticosteroiden indiziert. Wahl, Dosierung und die häufig vorteilhafte Kombination von Bronchodilatatoren sollen individuell unter Berücksichtigung des Schweregrades der Erkrankung sowie von Wirksamkeit und Verträglichkeit erfolgen. Bei fehlendem Therapieerfolg sollte die Corticosteroide wieder abgesetzt werden. Der Stufenplan für die Langzeittherapie ist in Kapitel 4 dargestellt.
Wirksamkeitskriterien zur Beurteilung des Therapieerfolges sind die Beeinflussung des Befindens (Gesundheitsstatus, Lebensqualität), der Symptome (Atemnot in Ruhe und/oder bei Belastung, Husten, Auswurf), der körperlichen Belastbarkeit sowie von Kenngrößen der Lungenfunktion (FEV1, Resistance, intrathorakales Gasvolumen, Residualvolumen, arterielle Blutgase).
Bronchodilatatoren
Bronchodilatatoren sind die Basistherapie des symptomatischen Patienten mit COPD. Durch Reduktion des Bronchialmuskeltonus und damit des Atemwegswiderstandes und durch Abnahme der Lungenüberblähung führen sie zu einer Symptomlinderung. Die inhalative Applikation ist der oralen Applikation vorzuziehen, da mit geringeren Dosen gleiche Effekte erreicht werden und damit weniger unerwünschte medikamentöse Wirkungen in Kauf genommen werden müssen. Bei allen inhalativ verabreichten Bronchodilatatoren muss die Inhalationstechnik mit dem Patienten eingeübt werden.
Bei fehlendem Ansprechen auf Bronchodilatatoren sollte die Zuverlässigkeit der Medikamenteneinnahme unter Einschluss der Inhalationstechnik geprüft werden. Bei unzureichender Inhalationstechnik auch nach einem entsprechenden Training ist die Auswahl eines anderen Applikationssystems, gegebenenfalls der Einsatz einer Inhalationshilfe sowie die Anwendung eines Verneblers zu prüfen [78] (s. Kapitel H 6.). Für Patienten, die trotz entsprechender Anweisung und Anwendung von Inhalationshilfen eine effektive Inhalationstechnik nicht erlernen können, stehen Vernebler zur Verfügung, über die Beta-2-Sympathomimetika und/oder Anticholinergika appliziert werden können. Gelingt eine effektive Inhalation auch mit Hilfe von Verneblern nicht, können orale Beta-2-Sympathomimetika in Retardform eingesetzt werden. Sollte die Medikation nicht zu einer Besserung der Symptomatik und/oder der Lungenfunktion führen, ist die Umsetzung auf einen anderen Bronchodilatator zu versuchen. Bei regelmäßiger Anwendung von Bronchodilatatoren sind raschwirksame Substanzen preiswerter, aber wegen der erforderlichen viermaligen Gabe pro Tag bezüglich der Therapietreue ungünstiger als langwirksame Substanzen mit 1-2 maliger täglicher Einnahme.
| Medikament | Dosieraerosol / Pulverinhalator (mg) | Vernebler (mg) (a) | Tablette (mg) | Wirkdauer (h) | Wichtige UAW (nach „Rote Liste“ [79]) |
| Beta-2-Sympathomimetika |
Raschwirksame Beta-2-Sympathomimetika: feinschlägiger Skelettmuskeltremor, Unruhe, Tachykardie, Herzpalpitationen (v. a. bei Therapieeinleitung), Hypokaliämie, vor allem bei parenteraler Gabe oder bei hoher Dosis, Störungen des Geschmacksempfindens, Muskelkrämpfe, Kopfschmerzen, Schlafstörungen. Langwirksame Beta-2-Symathomimetika (s. raschwirksame Beta-2-Sympathomimetika), Toleranzentwicklung des bronchoprotektiven Effekts gegenüber konstringierenden Stimuli (bei erhaltenen bronchodilatierenden Eigenschaften), Beta-2-Rezeptorsubsensitivität. Cave: in der Langzeittherapie gleichzeitig regelmäßige Therapie mit einem (möglichst topischen) Corticosteroid! |
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| Fenoterol | 100-200 | 0,2-0,4 | - | 4-6 | |
| Salbutamol | 100-200 | 1,25-2,5 | 4-8 | 4-6 (c) | |
| Terbutalin | 500 | 2,5-10 | 2,5-7,5 | 4-6 (c) | |
| Bambuterol | - | - | 10 | 24 | |
| Formoterol | 12-24 | - | - | 12 | |
| Salmeterol | 50-100 | - | - | 12 | |
| Anticholinergika |
Husten, paradoxer Bronchospasmus, Mundtrockenheit, Harnverhalt, gastrointestinale Motilitätsstörungen, Anstieg der Herzfrequenz und Herzklopfen (Herzrhythmusstörungen in sehr hoher Dosierung). Cave: Engwinkelglaukom. |
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| Ipratropiumbromid | 20-40/200 | 0,25-0,5 | - | 6-8 | |
| Tiotropriumbromid | 18 | - | - | 24 | |
| Methylxanthine (b) | |||||
| Theophyllin | 100-500 | Variabel | |||
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Kombinationspräparate |
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| Fenoterol und Ipratropiumbromid | 50/20-100/40 | 0,05/0,025-0,1/0,05 | - | 6-8 | s. o. |
| a: Mittlere Dosen pro Inhalation für kurz wirksame Beta-2-Sympathomimetika (4 Inhalationen pro Tag bei Dauermedikation), lang wirksame Präparate (2 Anwendungen pro Tag) und Anticholinergika (1 bis 4 Inhalationen pro Tag) b: Für Theophyllin ist eine Dosistitration entsprechend der Serumkonzentration und in Abhängigkeit unerwünschter Effekte erforderlich. c: Wirkdauer der Tabletten infolge spezieller Galenik evtl. deutlich länger als 6 Stunden |
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Tabelle 4: Dosierungen und Wirkdauer und unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW)
der wesentlichen Bronchodilatatoren in der Langzeittherapie der COPD
Die Inhalation raschwirksamer Beta-2-Sympathomimetika mittels Dosier-Aerosol oder Pulver ist die Basistherapie bei akuter Atemnot. Sie zeichnen sich aus durch einen schnellen Wirkungsbeginn und eine Wirkdauer von 4-6 Stunden und sind daher sinnvoll in der Bedarfs- und Notfallanwendung. Trotz gewisser Bedenken bezüglich der Effekte einer Dauermedikation mit raschwirksamen Beta-2-Sympathomimetika spricht die gegenwärtig vorliegende Studienlage nicht gegen einen derartigen Einsatz bei COPD [72; 80], da bisher kaum Hinweise auf das Auftreten einer klinisch relevanten Tachyphylaxie dokumentiert sind.
Langwirksame Beta-2-Sympathomimetika (Salmeterol, Formoterol) mit einer Wirkdauer von mindestens 12 Stunden führen zu einer Reduktion der Atemnot am Tage und in der Nacht [81; 82; 83], zu einer Besserung der Lungenfunktion [84], zu einer Steigerung der Lebensqualität [85] und einer Reduktion von Exazerbationen [86].
An unerwünschten Wirkungen von Beta-2-Sympathomimetika sind vor allem Herzrhythmusstörungen (Vorhofflattern, ventrikuläre Extrasystolie, supraventrikuläre Tachykardien), in seltenen Fällen Angina pectoris sowie Palpitationen zu nennen, insbesondere bei Vorliegen einer chronischen Hypoxämie [87]. Eine meist leicht beherrschbare Hypokaliämie kann auftreten. Insbesondere bei Patienten mit Herzinsuffizienz und koronarer Herzkrankheit und Neigung zu Herzrhythmusstörungen sollte der Einsatz von Beta-2-Sympathomimetika unter sorgfältiger Kontrolle von Arrhythmien und koronaren Ischämiezeichen erfolgen.
Anticholinergika
Anticholinergika (z. B. Ipratropiumbromid, Tiotropiumbromid) wirken bronchodilatativ, vermindern die Schleimsekretion, verringern das Dyspnoe-Empfinden, bessern die körperliche Leistungsfähigkeit [47] und reduzieren Exazerbationen [88; 89] bei Patienten mit COPD. Die volle Wirkung raschwirksamer Anticholinergika (z. B. Ipratropiumbromid) tritt erst 20-30 Minuten nach Inhalation ein, hält aber mit bis zu 8 Stunden länger an, als die der raschwirksamen Beta-2-Sympathomimetika, weshalb bei regelmäßiger Medikation eine 2-3 malige Anwendung pro Tag empfohlen wird.
Die meisten klinischen Untersuchungen zeigen bei Vergleich der raschwirksamen Beta-2-Sympathomimetika mit den raschwirksamen Anticholinergika eine ähnlich gute Wirkung [90; 91], nach einigen Studien sogar einen besseren Langzeiteffekt der Anticholinergika [92; 93]. Die klinisch relevanten unerwünschten Wirkungen sind Mundtrockenheit und selten Harnverhalt bei Patienten mit Prostatahyperplasie.
Tiotropiumbromid hat eine 24-stündige bronchodilataitve Wirksamkeit und ist damit gegenüber dem nur ca. 4 Stunden wirksamen Ipratropriumbromid überlegen. In Bezug auf die maximal erzielbare Bronchodilatation (d.h. Steigerung der FEV1) sind beide Substazen nicht signifikant unterschiedlich [94; 95; 96; 97] (Evidenzgrad B [98]).
Theophyllin
Theophyllin ist ein schwächerer Bronchodilatator als ein Anticholinergikum oder ein Beta-2-Sympathomimetikum [99; 100]. Bei Dosierungen im oberen therapeutischen Bereich (10-15 mg/l) werden auch positive Effekte auf die Symptomatik und die Belastbarkeit der COPD-Patienten berichtet [101; 102; 103; 104]. Neben der Bronchodilatation werden bei Patienten mit COPD eine Steigerung der Atemmuskelkraft [104] sowie eine Zunahme der Ejektionsfraktion des rechten Ventrikels beobachtet, deren klinische Bedeutung für die Langzeitbehandlung allerdings noch nicht geklärt ist.
Für die Langzeittherapie sind ausschließlich Theophyllinpräparate mit verzögerter Wirkstofffreisetzung (Retardpräparate) geeignet. Limitierend für die Anwendung sind die Häufigkeit unerwünschter Effekte [105], die geringe therapeutische Breite und die Abhängigkeit der Theophyllinclearance von zahlreichen Einflussgrößen. So steigern Nikotinkonsum, proteinreiche Kost und einige Medikamente (z. B. Rifampicin) die Theophyllinclearance, während andere, z. B. einige Antibiotika (Ciprofloxacin, Erythromycin, Clarithromycin, Roxithromycin), Cimetidin, Allopurinol, aber auch Leberkrankheiten, die Herzinsuffizienz, Pneumonien und Virusinfekte zu einer Reduktion der Theophyllinclearance führen.
Die Dosierung erfolgt einschleichend. Bestimmungen der Serumtheophyllinkonzentration dienen der Überprüfung der gewählten Dosierung und der Patientencompliance. Die Blutentnahme sollte 12 Stunden nach der letzten Einnahme erfolgen. Für COPD-Patienten ist eine Serumtheophyllinkonzentration zwischen 10 und 15 mg/l anzustreben. Wesentliche unerwünschte Effekte der Theophyllintherapie sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Tremor, Ruhe- und Schlaflosigkeit, Verstärkung der Diurese, Hypokaliämie und tachykarde Herzrhythmusstörungen, die gelegentlich schon bei Serumkonzentrationen im therapeutischen Bereich auftreten können.
Etwa die Hälfte der Patienten mit chronisch obstruktiver Bronchitis profitiert von einer Theophyllintherapie [106]. Die geeignete Methode, diese „Responder“ zu identifizieren, ist der Auslassversuch über 3 Tage nach vorheriger Theophyllinbehandlung. In einer stabilen Krankheitsphase wird Theophyllin abgesetzt. Nur dann, wenn im Verlauf der folgenden 1-3 Tage die Dyspnoe zunimmt bzw. sich die Funktionswerte verschlechtern, ist eine Langzeittherapie gerechtfertigt. Andernfalls kann auf die ständige Theophyllingabe verzichtet werden.
Kombinationen von Bronchodilatatoren
Die Kombination aus raschwirksamem Beta-2-Sympathomimetikum und Anticholinergikum [92; 107] bzw. Theophyllin [108] hat gegenüber den Einzelsubstanzen einen additiven bronchodilatatorischen Effekt (Evidenzgrad A). Ein äquivalenter therapeutischer Effekt kann auch durch Dosissteigerung eines Bronchodilatators erreicht werden, wenn unerwünschte Wirkungen diese Dosiserhöhung nicht limitieren. Kontrollierte Studien zur Bewertung dieser beiden therapeutischen Alternativen liegen nicht vor.
Bei älteren Patienten mit unerwünschten Effekten nach Inhalation von Beta-2-Sympathomimetika (Tremor, Tachykardie) kann durch Reduktion des Beta-2-Sympathomimetikums bei zusätzlicher Gabe eines Anticholinergikums eine nebenwirkungsärmere Behandlung erreicht werden. Außerdem lässt sich durch Kombination eines Anticholinergikums mit einem raschwirksamen Beta-2-Sympathomimetikum gegenüber dessen alleiniger Gabe die Exazerbationsrate senken [35; 55].
Die Kombination aus Beta-2-Sympathomimetikum mit einem Anticholinergikum und/oder Theophyllin kann zusätzlich zu Besserungen der Lungenfunktion [92; 107; 109] und des Gesundheitsstatus [56; 89] beitragen. Gewöhnlich erhöht die Anzahl der Medikamente allerdings die Therapiekosten und verschlechtert die Compliance. Eine symptomatische Besserung konnte durch die Kombination von Formoterol + Ipratropiumbromid erzielt werden [109], jedoch nicht durch die Kombination Salmeterol + Ipratropiumbromid [110].
Corticosteroide
Die Wirksamkeit der Corticosteroide ist nur für die Therapie der Exazerbation gut belegt. Eine klinisch relevante Hemmung chronischer Entzündungsprozesse bei COPD ist ebenso wenig gesichert wie eine Besserung von Kenngrößen der Lungenfunktion [111; 112].
A. Inhalative Corticosteroide
Inhalative Corticosteroide werden bei Patienten mit obstruktiven Lungenkrankheiten häufig ohne eine klare Differenzierung zwischen Asthma und COPD eingesetzt. Findet sich bei Patienten mit COPD eine asthmatische Komponente, etwa mit Vorliegen einer bronchialen Hyperreaktivität und einem Anstieg der FEV1 um mehr als 15 % bzw. 200 ml gegenüber dem Ausgangswert nach mindestens 2-3-wöchiger Applikation von Corticosteroiden (Reversibilitätstest, s. Kapitel H 3.), sollten diese Patienten wie Asthmatiker behandelt werden.
Bei Patienten mit COPD ohne positiven Reversibilitätstest nach Inhalation von Bronchodilatatoren sind nach Langzeituntersuchungen [73; 74; 75; 76] keine erkennbaren positiven Effekte inhalativer Corticosteroide auf die jährliche Abnahme der FEV1 vorhanden. Bei symptomatischen COPD-Patienten ab Schweregrad III ist eine Dauertherapie mit inhalativen Corticosteroiden indiziert, wenn eine erhöhte Exazerbationsrate vorliegt (>1/Jahr). Ziel ist die Senkung der Exazerbationsrate. In diesen schweren Fällen sind 3-monatige Therapiekontrollen und eine entsprechende Adaptation entsprechend des Therapieerfolges indiziert (Evidenzgrad B [74]).
Klare Dosis-Wirkungsbeziehungen sind für inhalative Corticosteroide bei COPD nicht bekannt. Bei Langzeitanwendung höherer Dosierungen ist gehäuft mit Mundsoor und auch einer Abnahme der Knochendichte zu rechnen [73].
B. Systemische Corticosteroide
Eine Langzeit-Therapie mit oralen Corticosteroiden wird bei der COPD nicht empfohlen (Evidenzgrad A [111; 113]). Wegen der gelegentlich schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen darf die Indikation nur dann gestellt werden, wenn positive Effekte eindeutig dokumentiert sind. Es handelt sich in diesen Fällen um Patienten mit einer Asthmakomponente. Besonders zu beachten ist die Steroidmyopathie, die schon bei relativ geringen Tagesdosen (< 10 mg Prednisolonäquivalent) auftreten und die Entwicklung einer respiratorischen Insuffizienz begünstigen kann [113; 114]. Dosisabhängig ist mit einer erhöhten Letalität zu rechnen [115]. Bezüglich der Prophylaxe einer corticosteroid induzierten Osteoporose wird auf die S3-Leitlinie des Dachverbands deutschsprachiger osteologischer Fachgesellschaften verwiesen (s. AWMF Register Nr. 034/004).
C. Kombination aus langwirksamen Beta-2-Sympathomimetika und Corticosteroiden
Kombinationspräparate aus Salmeterol/Fluticason und Formoterol/Budesonid sind in der Therapie der obstruktiven Lungenkrankheiten verfügbar. Ihr Stellenwert in der Langzeit-Therapie der COPD kann gegenwärtig nicht mit hinreichender Validität beurteilt werden. Zu berücksichtigen ist, dass nur ein geringer Teil der COPD-Patienten von einer Langzeitbehandlung mit inhalativen Corticosteroiden profitiert. Falls beide Einzelsubstanzen bei einem Patienten mit COPD indiziert sind, kann der Einsatz eines Kombinationspräparates gegenüber dem Einsatz der einzelnen Substanzen mit zwei Inhalatoren vorteilhaft hinsichtlich Handhabung/Compliance sein. Zum weiteren Nutzen fixer Kombinationen liegen jedoch unzureichende und z. T. widersprüchliche Daten vor [116].
Mukopharmaka
Die Indikation zum Einsatz von Mukopharmaka zur besseren Sekretelimination sollte kritisch gestellt werden. N-Acetylcystein und Ambroxol können bei einigen Patienten mit viskösem Sekret hilfreich sein (Evidenzgrad D). Nach mehreren kontrollierten Studien [117; 118; 119; 120; 121; 122; 123; 124] sowie Meta-Analysen [125; 126; 127] findet sich bei prophylaktischer Gabe in Tagesdosen von 400-1200 mg Acetylcystein eine leichte Reduktion (20-25 %) akuter Exazerbationen während der Wintermonate. Eine Reduktion von Exazerbationen und Beschwerden wurde auch für die 6-monatige orale Gabe von 75 mg Ambroxol bei Patienten mit COPD beschrieben [128]. Eine kürzlich publizierte, große, randomisierte und placebo-kontrollierte Multizenterstudie konnte hingegen für Acetylcystein in einer Tagesdosis von 600 mg über einen Beobachtungszeitraum von drei Jahren keine Reduktion der Exazerbationsrate nachweisen [129]. Aufgrund der widersprüchlichen Studienlage kann derzeit ein allgemeiner Einsatz von Acetylcystein oder Ambroxol zur Exazerbationsprophylaxe nicht empfohlen werden. Eine Steigerung der Expektoration lässt sich durch die Inhalation von Beta-2-Sympathomimetika (ggf. in Kombination mit physiologischer oder hypertoner Kochsalzlösung) und durch Theophyllin erzielen. Eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr fördert die Expektoration nur bei dehydrierten Patienten. Die Empfehlung großer Trinkmengen ist nicht gerechtfertigt. Sie kann der Dekompensation eines chronischen Cor pulmonale bzw. einer bereits bestehenden Ödemneigung Vorschub leisten (Evidenzgrad D).
Antitussiva
Husten kann Patienten mit COPD stark beeinträchtigen. Bei zunehmendem nicht produktiven Husten (sog. Reizhusten) sind Antitussiva maximal für 14 Tage indiziert [130]. Antibiotika sind nur bei puridem, d. h. produktivem Husten mit Auswurf indiziert, wenn für die klinische Verschlechterung ein zugrunde liegender bakterieller Infekt angenommen wird. Zu beachtende Nebenwirkungen sind bei Antitussiva die atemdepressive Wirkung, die dosisabhängig ist und das Suchtpotenzial. Patienten mit hustenbedingter Störung der Nachtruhe profitieren von der abendlichen Gabe ausreichend hoch dosierter Antitussiva (z. B.
60 mg Codein, 20 mg Paracodein). Gegebenenfalls kann die Hustendämpfung mit codeinfreien Antitussiva (z. B. Clobutinol, Noscapin) erfolgen.
Wegen des protektiven Effektes eines erhaltenen Hustenreflexes – besonders wichtig bei Hyperkapnie – kann die regelmäßige Einnahme von Antitussiva bei Patienten mit stabiler COPD nicht empfohlen werden [131]. Ihr Einsatz sollte auf maximal 2-3 Wochen beschränkt bleiben (Evidenzgrad D). Insbesondere sollten bei Zunahme des Hustens im Rahmen von schweren Exazerbationen der COPD deren Ursachen behandelt und Codein bzw. Narkotika vermieden werden, um eine Atemdepression und/oder eine Zunahme der Hyperkapnie zu vermeiden.
Immunmodulatoren
Nach einer doppelblinden, placebokontrollierten, randomisierten Studie führte die Gabe eines Immunmodulators (lyophilisierter, normierter Bakterienextrakt) bei COPD-Patienten zu einer Abnahme des Schweregrades, aber nicht der Häufigkeit von Exazerbationen und damit auch nicht zu einer Reduktion der exazerbationsbedingten Krankenhausaufenthalte [132]. Da weitere Studien mit ähnlich gutem Design, vergleichbar großen Patientenzahlen und Dokumentation von Langzeitverläufen zum Einsatz von Modulatoren des Immunsystems bei COPD-Patienten fehlen, kann gegenwärtig die regelmäßige Anwendung von Immunmodulatoren nicht generell empfohlen werden [133].
Atemstimulanzien
Die in früheren Zeiten häufiger gebräuchlichen Atemstimulanzien Doxapram und Almitrin sollten angesichts nachgewiesener unerwünschter Effekte bei stabiler COPD nicht eingesetzt werden (Evidenzgrad B [134; 135; 136]).
Morphin
Der Einsatz von Morphin kann bei schwerer Dyspnoe zur Linderung beitragen. Wegen bedeutsamer unerwünschter Effekte (u. a. Atemdepression) sollte der Einsatz auf wenige, besonders beeinträchtigte Patienten mit schwerer Atemnot und Hyperventilation beschränkt und unter stationären Bedingungen eingeleitet werden (Evidenzgrad C [137; 138; 139; 140; 141; 142]).
Substitutionstherapie bei Alpha-1-Protease-Inhibitor-Mangel
Patienten mit angeborenem Alpha-1-Protease-Inhibitor(Alpha-1-PI)-Mangel entwickeln häufig, insbesondere bei chronischem Tabakkonsum, frühzeitig ein Lungenemphysem. Die Substitution des fehlenden Glykoproteins kann das bestehende Ungleichgewicht von Proteasen und Antiproteasen ausgleichen. Haupteffekt der Substitution ist eine Verlangsamung der Emphysemprogredienz, erkennbar an einer geringeren jährlichen Abnahme der FEV1 [143; 144; 145]. Eine Substitutionsbehandlung, z. B. mit einer wöchentlichen i. v.-Applikation von Prolastin HS in einer Dosis von 60 mg/kg Körpergewicht, kommt unter Berücksichtigung der begrenzten Wirkung und der hohen Therapiekosten nur bei Patienten mit homozygotem Alpha-1-PI-Mangel (< 35 % des Normwertes), mittelgradiger Funktionseinschränkung (30 % Soll < FEV1 < 65 % Soll) und ausgeprägter jährlicher Reduktion der FEV1 (Δ FEV1/Jahr > 50 ml) in Betracht (Evidenzgrad B). Das Therapieziel einer Substitution mit Prolastin HS ist es, eine Serumkonzentration von
> 80 mg/dl bis zur nächsten Infusion zu erreichen.
Bei Patienten mit schwerem Alpha-1-PI-Mangel und schwerer Funktionseinschränkung (FEV1 £ 30 % des Sollwertes) kann hingegen die Substitutionstherapie nicht generell empfohlen werden. Ein dekompensiertes Cor pulmonale ist eine Kontraindikation für diese Substitutionstherapie. Bei Patienten mit schwerem Alpha-1-PI-Mangel und normaler Lungenfunktion sowie jährlichem Abfall der FEV1 von weniger als 50 ml ist die Substitutionstherapie ebenfalls nicht erforderlich. Bei den Patienten unter Substitution sollten die Alpha-1-PI-Serumspiegel vor der nächsten Infusion über 35 % des Normwertes liegen.
Unabhängig von einer Substitutionstherapie ist für alle Patienten mit Alpha-1-PI-Mangel eine strikte Nikotinkarenz zu fordern. Eine Substitutionstherapie bei Rauchern ist angesichts der Inaktivierung des Alpha-1-PI durch Zigarettenrauchen nicht zu rechtfertigen. Eiweißunverträglichkeiten sowie ein kompletter IgA-Mangel sind Kontraindikationen der Substitutionstherapie.
Weitere Therapieoptionen
In Anbetracht unzureichender Daten kann der Einsatz von Antileukotrienen, Nedocromil, Dinatriumcromogycat sowie homöopathischen Therapieverfahren gegenwärtig nicht empfohlen werden.
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Einladung zum G-I-N Kongress 2012, Berlin


